Der Fachkräftemangel in der IT-Branche scheint eine chronische Krankheit zu sein. Und die Branche sucht nach der Medizin. Ein Beispiel aus St. Gallen: Zur Kampagne «IT St. Gallen rockt!» lud die IT-Branche die Schweizer Top-Rockband «The Young Gods» zum Konzert. Die Rocker sollten die Branche attraktiver machen – und das ist notwendig.

Bis 2020 fehlen 25 000 Fachkräfte
Im Dezember fanden sich 6000 offene ICT-Stellen, bis 2020 prognostiziert eine Studie von ICT-Berufsbildung Schweiz einen Mangel von 25 000 Fachkräften. «Wenn dieses Potenzial nicht in der Schweiz genutzt wird, verlegen die Unternehmen die Arbeit ins Ausland», sagt Jörg Aebischer, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz.

«Nach demLehrabschluss bestehen überdurchschnittliche Jobchancen.»


In den letzten 20 Jahren ist die ICT-Branche drei Mal so stark gewachsen wie der Durchschnitt. Und wird es wohl auch weiterhin tun. Nicht nur IT-Unternehmen sind auf Fachkräfte angewiesen, – sondern auch Banken, Versicherungen oder der Maschinenbau: «Rund zwei Drittel der Angestellten arbeiten bei IT-Anwendern», sagt Aebischer. Auch die Masseneinwanderungsinitiative könnte den Mangel verstärken. «Rund ein Drittel der zusätzlich benötigten Fachkräfte stammt aus dem Ausland», sagt Aebischer. Viele tendenziell hochqualifizierte Migranten arbeiten in der Schweizer ICT-Branche – durch Kontingente könnte der Mangel an Fachkräften noch steigen, sagt Aebischer.

Lehrstellen benötigt
Viele Unternehmen bieten keine Lehrstellen im ICT-Bereich an. «Oft liegt das am Selbstverständnis», sagt Aebischer. «Obwohl eine IT-Abteilung mit 20 Mitarbeitern besteht, bildet man keine Lehrlinge aus, weil es keine Tradition hat.» ICT-Berufsbildung Schweiz wünscht sich eine Quote von fünf Prozent Lernenden. Aktuell liegt diese unter vier Prozent.

Dabei ist die Branche bei Schülern populär: Einer Umfrage der Multicheck AG zufolge ist die Informatik nach «Wirtschaft und Verwaltung» und «Gesundheit» das drittbeliebteste Arbeitsfeld. «Nach dem Lehrabschluss bestehen überdurchschnittliche Jobchancen», sagt Aebischer. Ein Viertel der offenen ICT-Stellen sind Führungspositionen, es bestehen eidgenössische Fachausweise, der Bedarf wächst stetig – wieso also der Mangel an Fachkräften?

Lieber die Matura
Das Anforderungsniveau für eine Informatikausbildung entspricht demjenigen einer Maturitätsschule – und viele Jugendliche bevorzugen diese. Und die ICT-Unternehmen bevorzugen Fachhochschulabgänger statt Lehrlinge – die heutigen Lehrabgänger sind aber die künftigen Hochschulabsolventen. «Wenn Jugendlichen keine Lehrstelle angeboten wird, besuchen sie später vielleicht nicht die Hochschule und werden nicht in der ICT tätig», sagt Aebischer. «So schadet sich die Branche selbst.»