Nur jedes zweite Jungunternehmen überlebt in der Schweiz in den ersten fünf Jahren. Warum haben unsere Start-ups so wenig Erfolg?

Michele Blasucci: Ich würde nicht behaupten, dass sie wenig Erfolg haben. Diese Quote ist eigentlich gar nicht so schlecht, es ist quasi eine 50 zu 50 Chance. Wenn man sich die Gründe des Scheiterns anschaut, haben sie oft damit zu tun, dass das Projekt der Firmengründung unterschätzt wurde. Oder man hat in einem Team angefangen und sich im Verlauf des Firmenaufbaus zerstritten. Generell besteht immer ein Risiko auf persönlicher Ebene wenn man ein Unternehmen mit mehr als einer Person gründet.

Was wir auch oft sehen ist, dass die Gründer zwar gern und fleissig arbeiten, sich aber nicht um die Administration kümmern. Vor allem Handwerker schenken dem kaufmännischen Teil wenig Beachtung. Oder wir sehen, dass die Erfindung oder Entwicklung doch nicht so vielversprechend ist wie gedacht.

 

Sind wir Schweizer Pioniere?

Auf jeden Fall. Besonders an den Hochschulen und Fachhochschulen sehen wir grossen Pioniergeist. Wir sehen viele Projekte mit grossem Potential. Vor allem im technischen Bereich gibt es vielversprechende Projekte. Im handwerklichen Bereich ist es etwas schwieriger kreativ zu sein, aber Pioniere gibt es auch beispielsweise im Möbelbau. Zusammengefasst muss ich  sagen: Im technischen Bereich sind wir Pioniere, im handwerklichen dürfen wir noch etwas mehr Gas geben.

 

Wie ist unser Start-up-Verhalten im internationalen Vergleich?

Im internationalen Vergleich sind wir Schweizer sehr innovativ. Man muss beachten, dass wir hier über keinerlei Rohstoffe oder Erdöl verfügen. Wir können also nur durch Innovationen glänzen. Tolle Produkte, hochstehende Technik oder sonst etwas Spezielles, das im Ausland Erfolg haben kann. Aus der Not quasi werden wir kreativ.

Vor allem in den Bereichen Medizinaltechnologie und Robotik beweisen wir grossen Innovationsgeist. Im Online-Bereich sind wir weniger stark, aber an dieser Tatsache können wir nur wenig ändern: Wir befinden uns bereits in einem sehr kleinen Land, hinzu kommt die Schwierigkeit, dass man hier drei verschiedene Sprachen spricht. Das erschwert die ganze Sache massiv.

 

Wer sind Start-up-Gründer? Pioniere oder gescheiterte Geschäftsleute?

Ein typischer Start-up-Gründer hat in der Regel eine technische Innovation in einem Bereich, den er bereits kennt, in einem Gebiet also, auf dem gearbeitet hat. Mit einer Vision und einer Idee geht er oder sie mit dem Kopf durch die Wand. Für ein Jungunternehmen braucht man eisernen Willen und Durchhaltevermögen. Beim Geschäftssinn spaltet sich jedoch gut von sehr gut: Gut schaut nicht so auf das Geld, weil der Unternehmer von der Idee seines Produktes so überzeugt ist, sodass er denkt, er werde sowieso Erfolg haben. Bei Leuten mit mässigem oder keinem Geschäftssinn empfehle ich, dass man für Buchhaltung und andere administrative Aufgaben einen Buchhalter engagiert. Die wichtigsten Eigenschaften für einen erfolgreichen Jungunternehmer sind: Fachwissen, starker Willen und Durchhaltevermögen.  

 

Was zeichnet ein erfolgreiches Start-up aus?

Die Geschäftsidee muss stimmen und man braucht einen guten Businessplan sowie ein ausreichendes Startkapital. Ansonsten merkt man in der Mitte der Entwicklungsphase, dass das Geld fehlt und der ganze Plan scheitert. Das sehen wir oft: Die Idee stimmt, das Team auch, aber es ist zu wenig Geld vorhanden.

 

Mit welcher Einstellung gründet man sein eigenes erfolgreiches Jungunternehmen?

Geld darf nicht im Vordergrund stehen. Man muss sich bewusst sein, dass man zwei bis drei Jahre viel arbeiten muss und wenig verdienen wird. Man muss von Freiheitsdrang getrieben sein und einen starken Willen nach Selbstverwirklichung haben.


Michele Blasucci, CEO von Startup.ch. (Foto:ZVG)

JOËLLE WEIL