Das Haus Hiltl gibt es in Zürich seit 1898. Was macht den langfristigen Erfolg Ihres Unternehmens aus?

Rolf Hiltl: Erstens die Mischung aus Innovation und Tradition. Wir versuchen diese beiden Aspekte sinnvoll zu vereinen. Unsere Wurzeln schauen wir mit viel Wertschätzung an, gleichzeitig darf eine ständige Hinterfragung der aktuellen Situation nicht fehlen. Eine konkrete Idee wird heute nicht gleich wahrgenommen wie vor 30 Jahren.

Zweitens pflegen wir ein sehr positives Menschenbild. Wir wissen, dass es schlussendlich nicht um Computer, sondern um den Menschen geht. Damit meine ich sowohl den Gast als auch die Mitarbeiter. Diese Wertschätzung spüren und schätzen die Leute.

Drittens gehen wir mit einer tiefgründigen Ernsthaftigkeit mit unserem Produkt um. Wir wollen das was wir machen, professionell tun und überlassen nichts dem Zufall. Fleiss, Herz, Tiefgründigkeit und Professionalität sind unsere Leitfäden.

 

Sie haben Ihr Restaurant im Laufe der Jahre stark verjüngt. Was bewegte Sie zu dieser Entscheidung?

Ich erinnere mich, als ich das Hiltl übernommen habe, kam ich rein und sah auch viele ältere Leute mit ihrer Haferschleimsuppe. Als erste Amtshandlung strich ich die Haferschleimsuppe aus der Karte. Die alten Gäste waren damals schockiert und fragten mich, wo sie nun hingehen sollten, wenn es ihnen schlecht gehe. Für mich war klar: Zu uns sollten die Gäste kommen, wenn es ihnen gut geht, auch die älteren. Wir sind weder ein Spital noch ein Altersheim.

Mein Vater hat während den 70er-Jahren bereits einiges im Restaurant geändert und wollte damals schon herausfinden, ob auch junge Menschen sich für vegetarisches Essen interessieren könnten. Zeitgleich fand ein grosser Umbau statt.

 

Dass Ihr Restaurant abends zum Club wird, ist wohl die drastischste Veränderung?!

Das ist bestimmt das extremste Beispiel. Natürlich reagierten viele Leute mit Kopfschütteln und verstanden nicht, warum man in einem Restaurant nun auch tanzen muss. Aber wir haben viele Gäste, die so auch die Nacht bei uns verbringen und das generationsübergreifend. Uns gibt es seit vier Generationen und es ist unser Bestreben, dass auch die nächste Generation uns noch spannend findet, ohne dass wir die älteren Gäste verlieren wollen.

 

Ihr Zielpublikum wurde bei Ihnen in den letzten Jahren jünger. Bei vielen Unternehmen scheitert ein Verjüngungsversuch. Warum klappte er bei Ihnen?

Unser Zielpublikum ist und war immer der Mensch, egal welchen Alters. Wir haben uns stets dagegen gewehrt, unser Zielpublikum genau zu beschreiben, denn bei uns ist jeder willkommen. Wir haben auch nicht versucht uns zu verjüngen. Was wir hingegen versuchen, ist parallel immer wieder junge Leute zu begeistern. Wir tun das aber nicht krampfhaft.

Der Grund, warum ein Verjüngungsversuch bei vielen Unternehmen scheitert, ist weil sie denken sich verjüngen zu müssen. Warum sie das angeblich müssen, wissen die meisten aber nicht genau. Meistens erhofft man sich dadurch mehr Umsatz, dabei darf Geld nie die Antwort auf die Frage sein.

 

Jungunternehmen in der Schweiz bestehen häufig nicht langfristig. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

«Success seems to be matter of hanging on, after others have let go». Es liegt häufig an zu wenig Durchhaltevermögen. Eine gute Idee zu haben, ist nicht die Herausforderung. Man muss die Idee nachhaltig umsetzen können.

 

Was müssen Jungunternehmer beachten, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen?

Sie sollen nur das machen, was ihnen entspricht. Wenn man leidenschaftlich gern Steaks isst, führt man kein vegetarisches Restaurant.

 

Was ist wichtiger? Eine innovative Idee einfach umsetzen oder eine kreative Umsetzung für eine einfache Idee?

Ich würde sagen das Zweite. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, dass wir uns noch ausdenken können. Irgendwie gibt es doch alles schon. Man kann höchstens eine Sache, die man sieht, anders und besser machen.

www.hiltl.ch

JOËLLE WEIL