Arbeiten 4.0: nur ein modisches Schlagwort, das CEOs gerne in den Mund nehmen, wenn mal wieder der Betrieb umgestülpt werden soll? Oder tatsächlich ein Instrument, das die Arbeitsprozesse beschleunigt, ohne den Arbeiter auszubeuten? Veränderungsresistente Arbeitgeber – und das gilt nicht nur für Konzerne, sondern schon für kleine und mittlere Unternehmen – haben das Nachsehen.

Denn HR-Experten sind überzeugt, dass viele Arbeitnehmer heute schon mehr auf die Arbeitsbedingungen als auf die Höhe des Gehalts schielen.

«Neue Arbeitswelten»

Neue Arbeitswelten – klingt in den Ohren der Arbeitgeber ein bisschen nach Freizeit. Und nach Investitionen. Trotzdem müssen sie sich damit auseinandersetzen, wenn sie künftig in ihren Stellenanzeigen noch «an einem modernen Arbeitsplatz» um Bewerber buhlen wollen.

Gemäss HR-Experten handelt es sich ohnehin nicht um die Einrichtung von «Spielplätzen», wie Google das auch am Standort Schweiz vorgemacht hat – mit Rutschbahnen und Sitzungsplatzumgebungen, die an Ferienanlagen denken lassen –, sondern um Infrastruktur, die dem modernen Menschen gerecht wird.

Und der ist mobil, arbeitet gerne Teilzeit (weil er auch von den Kindern was haben will und einen Tag für seinen Sportverein freihält) und denkt ab und zu über seine Work-Life-Balance nach.

Von der ersten in die vierte Arbeitswelt

Der Vollständigkeit halber: «Arbeiten 1.0» bezeichnete die Industriegesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts. Die Massenproduktion wurde dann Ende des 19. Jahrhunderts mit «Arbeiten 2.0» beziffert. Als der Sozialstaat geboren und Arbeitnehmerrechte zugesichert wurden, folgte die dritte Arbeitswelt. Bis nun im Rahmen von 4.0 der Dialog über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft geführt wird. Die neuen Technologieunternehmen haben es vorgemacht.

Die Arbeitswelt 4.0 setzt sich gerade durch. An der Transformation führt letztlich kein Weg vorbei. Bald werden das auch die alten Patrons einsehen müssen. Thematisiert werden sollen die «Spielregeln» der künftigen Arbeitsgemeinschaften. Neue Begriffe wie «Crowdworking» machen die Runde. Die flexible Handhabung von Arbeitszeit und -ort steht im Fokus dieser Diskussionen, begünstigt von den neuen digitalen Möglichkeiten.

Das Geschäft spart Geld, wenn das Teammitglied von zu Hause aus arbeiten kann. Aber wie gestalten sich dann Teamsitzungen, Arbeitsübergaben? In der Theorie kann heute mit dem Laptop von überall auf der Welt gearbeitet werden, mit Skype ist man an jeder Sitzung «präsent». Und wenn die Pendlerzeiten immer länger werden, soll dann der Weg als Arbeitszeit angerechnet werden, wenn im Zug Büroarbeiten ausgeführt werden? Vordergründig ergeben sich Vorteile für beide Seiten, in rechtlicher Hinsicht sieht das jedoch anders aus.

Die soziale Absicherung schwindet, die Digitalisierung kann zudem für die Überwachung des Arbeitenden missbraucht werden. Wie soll der Angestellte seine geleistete Zeit fair erfassen? Für welche Arbeitsgegenstände im Homeoffice hat seine Firma aufzukommen – und wie verhält sich dies, wenn diese Person nur Teilzeit arbeitet?

Open Space ist angesagt

Wo der Arbeitnehmer noch am Hauptsitz arbeitet, trifft er praktisch nur noch Open-Space-Arbeitsmodelle an. Desk-Sharing, anfangs noch zögerlich angewandt und begleitet von der Kritik der Arbeitnehmerverbände, hat sich durchgesetzt.

Durchschnittlich nutzt ein Mitarbeiter das Büro nur während 60 Prozent der Arbeitszeit (und nur die Hälfte davon sitzt oder steht er am eigenen Arbeitsplatz). Das neue Zauberwort lautet: Multizonen-Konzept. Arbeitgeber, die sich dabei schon ausrechnen, wie sie ihre Aufwände durch Grossraumbüros halbieren, müssen allerdings bedenken: Die Pioniere dieses Konzepts haben sich viele Anfängerfehler geleistet, haben Lehrgeld gezahlt.

Heute werden die neuen Raumkonzepte durchaus kritisch beäugt. Die «offene Bürolandschaft» sollte die direkte Kommunikation vereinfachen. Jetzt liegen Untersuchungen vor, die nachweisen, dass Arbeiten in solchen Räumen krank machen kann.

Und ist es nicht so, dass die angestrebte Kommunikationsverbesserung zur Folge hat, dass nun jeder mit jedem redet und jeder mitbekommt, was ihn gar nicht direkt angeht? Um die Umwälzung einmal aus der Warte des Chefs zu sehen, auch er verliert einige Statusprivilegien. Nur selten sitzt er noch in seinem Chefbüro, mit ausreichend Ablageflächen und eigenem Sitzungstisch.

Meist sitzt er mit auf der langen Bank. Oder befindet sich in einem Glaskubus, der von allen Seiten gut einsehbar ist. Er kann sich vor den Mitarbeitenden ebenso wenig verstecken wie sie sich vor ihm.

Leitbild für Zusammenarbeit

Ein Grossraumbüro ist nicht einfach ein Grossraumbüro. Die Produktivität lässt sich nicht durch die Reduktion der Fläche steigern. An Bedeutung gewonnen haben Kreativräume, die ausserhalb dieser Zonen aufgesucht werden können.

Quasi der geschützte Rahmen, das Besprechungszimmer für Vertrauliches, für konzentriertes Arbeiten. Mangelnde Rückzugsmöglichkeiten sind einer der Hauptgründe, die Büroschaffende in ihrer Kritik angegeben.

Architekten und Innendekorateure haben den Auftrag, dass die Identifizierung mit dem Unternehmen schon mit den Räumlichkeiten anfängt. Dabei geht es um mehr als eine Renovation. Inspirierend sollen die Arbeitsplätze sein, mit Licht- und Farbkonzept. Neue Bürogebäude entsprechen meist dem Minergiestandard.

Falls eine Firma ihren Leitfaden noch nicht geschrieben hat, sollte sie sich jetzt Gedanken machen, welches «Menschenbild» sie vertreten möchte.

Ist die Basis das gegenseitige Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern? Oder werden Leistungen eingefordert, die rapportiert sein wollen? Es ist sicher nicht falsch, eine Charta der neuen Arbeitsbedingungen gemeinsam mit jenen zur erarbeiten, die sich nachher darin wohl fühlen sollen.