Fünf Stunden arbeiten...

...danach nicht in die Mittagspause, sondern Zeit haben für Familie, Freunde, Sport und Freizeit. Dies ist derzeit nur in einem Teilzeitmodell möglich, mit entsprechenden finanziellen Abstrichen, versteht sich.

Der Chef eines deutschen IT-Unternehmers hat im Herbst 2017 für seine Mitarbeitenden den Fünfstundentag als Vollzeitmodell ausgerufen, zum Achtstunden-Gehalt. Ein Wunschtraum? Oder ist der Achtstundentag ein Auslaufmodell? Zumindest hat diese Initiative in Fachkreisen und in den Medien ein grosses Echo ausgelöst und die Diskussionen um neue Arbeitszeitmodelle weiter vertieft.

Technologische Innovation und globaler Wettbewerb befördern einen Wandel hin zu einer Arbeitswelt, die zunehmend von räumlicher und zeitlicher Flexibilität geprägt sein wird.

Wir erleben derzeit gravierende Umbrüche, in den Märkten und in den Unternehmen. Die Aufweichung bisheriger Strukturen schreitet unaufhörlich voran und ist dabei Segen und Fluch zugleich. Als vor 25 Jahren das World Wide Web, ursprünglich ein Forschungsprojekt am Cern in Genf, für die Öffentlichkeit freigeschaltet wurde, ahnte man wohl schon, dass das Internet unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern würde.

Die Digitalisierung macht heute in vielen Bereichen das Arbeiten an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich. Am Achtstundentag vorbei und jenseits jeder Präsenzpflicht etablieren sich flexible Arbeiter, die Coworker, die Homeworker, die Interim Manager, die Clickworker, die Projektarbeiter, die Einzelunternehmer, die Freelancer, die ihre Arbeitszeit selbst gestalten können. Aber auch bei den festangestellten Arbeitnehmern regt sich etwas. Auch sie fordern mehr Freiheiten, um Familie und Beruf vereinbaren zu können.
 

Gerade in diesen unsicheren Zeiten ist es wichtig für die Unternehmen, dass ihre Mitarbeiter an Bord bleiben und sich mit dem Unternehmen identifizieren. Arbeitgeber müssen daher den Spagat schaffen zwischen attraktiven Arbeitsbedingungen und höchstmöglicher Effizienz.
 

So kommen einige Unternehmenden ihren Mitarbeitenden schon entgegen: mit Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Wochenarbeitszeit, Arbeitszeitkonten, lebensphasenorientierte Arbeitszeiten. Besonders Jahresarbeitszeitkonten könnten in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Unternehmen könnten damit Auftragsspitzen und Flauten abfedern und die Mitarbeiter sich in bestimmten Phasen des Lebens (Elternzeit oder Übergang zur Rente) die Arbeitszeit nach ihren Bedürfnissen einrichten.

Neue Ressource Vertrauen

Mobile und flexible Arbeit kann die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen. Ein beliebtes Modell ist die Arbeit im Homeoffice. Viele Chefs tun sich damit allerdings immer noch schwer, denn sie meinen, wer nicht im Büro ist, arbeitet auch nicht. Immer noch ist der Kollege, der im Büro ineffiziente Überstunden schiebt und emsig dafür sorgt, dass er auch ja gesehen wird, mitunter höher angesehen, als der Kollege, der unsichtbar im Homeoffice geräuschlos und effizient seine Arbeit macht.

Homeoffice braucht klare Rahmenbedingungen und vor allem einen Kulturwandel im Unternehmen. Mitarbeiterfürsorge muss auch über Distanz sichergestellt sein, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Miteinander, die Gemeinschaft brauchen umso mehr Aufmerksamkeit, desto lockerer die Arbeitszeitgestaltung ist. Voraussetzung sind eine Unternehmenskultur, die von Vertrauen gekennzeichnet ist, und Führungskräfte, die loslassen können.

Aber der Chef muss sich auch darauf verlassen können, dass die Arbeit auch ohne seine Kontrolle erledigt wird. Neben neuen Formen der Kommunikation, des Feedbacks und der Zusammenarbeit – es wird mehr in selbstorganisierten und virtuellen Teams gearbeitet werden müssen –, braucht es aber auch das Engagement der Mitarbeitenden. Diesen verlangt die zunehmende Entgrenzung, trotz aller Vorteile, jedoch auch viel ab.


Lebenslanges Lernen wird unverzichtbar, die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln und sich immer wieder neuen Anforderungen anzupassen, fällt vielen nicht leicht.
 

Nicht jeder ist in diesem Masse der Selbstorganisation und Eigeninitiative gewachsen. Manch einer verliert sich in der neuen Freiheit bis hin zur Selbstausbeutung, und die schöne flexible Arbeit endet womöglich in Stress, Erschöpfung oder gar Burn-out. Umso wichtiger wird die Achtsamkeit des Unternehmens, mögliche psychosoziale Belastungen für die Mitarbeitenden rechtzeitig zu erkennen und einzugreifen.

Kritiker befürchten, die Flexibilisierung der Arbeit würde lediglich zum Vorteil der Arbeitgeber auf dem Rücken der Arbeitnehmenden ausgetragen, die bestehenden Arbeitszeitgesetze ausgehöhlt. Laut dem Job-Stress-Index 2016 der Gesundheitsförderung Schweiz fühlen sich heute schon ein Viertel der Erwerbstätigen gestresst.

Auch in einer Umfrage der Gewerkschaft Unia «Stress am Arbeitsplatz in büronahen Berufen» gaben 58,7 Prozent der Befragten als Grund für Stress Zeitdruck an. Das Seco hat daher seit ein paar Jahren die psychosozialen Belastungen besonders im Fokus und stellt damit neue Anforderungen an Arbeits- und Gesundheitsschutz in Unternehmen.

Wie sich die Flexibilisierung von Arbeit letztlich auf den Einzelnen auswirkt, hängt stark von der Unternehmenskultur ab. Gibt es ein wertschätzendes Umfeld und verbindliche Absprachen, sehen viele Arbeitnehmenden die neuen Freiheiten sicher als Chance, gerade in bestimmen Lebensphasen, Arbeit und Familie besser vereinbaren zu können.

Ob die bestehenden Gesetze noch zeitgemäss sind, darüber wird in der Schweiz kontrovers diskutiert. Der Schweizerische Gewerbeverband (sgv) fordert, unnötige Regulierungen in Bezug auf Arbeits- und Ruhezeiten abzubauen und die mögliche Höchstarbeitszeit auf 50 Stunden pro Woche auszudehnen, um möglichen Spielraum zu erweitern.

Die Dachgesellschaft Travail Suisse hält angesichts der Gesundheitsrisiken für die Arbeitnehmenden dagegen, und die Gewerkschaft Unia fordert eine Kürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche.

Dabei war der Achtstundentag einst eine grosse Errungenschaft, ebenso wie das Recht auf bezahlte Ferien. Mit dem Landesstreik im November 1918 legten 250000 Arbeitnehmende im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen ihre Arbeit nieder und forderten vor allem eine Arbeitszeitverkürzung und geregelte Ferien.

In der Konsequenz wurden Ferienbestimmungen und die 48-Stunden-Woche für Angestellte beschlossen, was einem Achtstundentag bei sechs Arbeitstagen pro Woche entsprach. Das Arbeitsgesetz (AgG) regelt heute unter anderem eine wöchentliche Maximalarbeitszeit von 45 bis 50 Stunden. Es gewährt allen Arbeitnehmenden eine tägliche Ruhezeit von mindestens elf Stunden, am Wochenende eine zusammenhängende Ruhezeit von 35 Stunden.