Frithjof Bergmann ist Philosoph und Anthropologe. Er gilt als Begründer der «Neuen Arbeit». 1930 in Sachsen geboren, wächst Bergmann in Österreich auf und wandert als 19-Jähriger in die USA aus. Er lehrt später als Philosophieprofessor und entwickelt bereits Ende der 1970er Jahre Ideen für eine neue Kultur der Arbeit. Ausgehend von der Untersuchung des Freiheitsbegriffs entwickelte er die Vision einer humaneren und lebenswerten Zukunft durch den intelligenten Gebrauch innovativer Technologien. 1984 erwächst aus seiner Kooperation mit General Motors das erste «Zentrum für Neue Arbeit» in der Automobilstadt Flint (Michigan). 2004 erschien sein Standardwerk «Neue Arbeit, Neue Kultur» in deutscher Sprache im Arbor Verlag. Bergmann berät Unternehmen, Gewerkschaften, Regierungen und Schulen. www.newwork.global.
 

«Das Menschliche muss endlich Platz in der Neuen Arbeit finden!»

 

Herr Professor Bergmann, Sie haben den Begriff New Work in den frühen 1980er Jahren geprägt. Damals traf die Automatisierung vor allem die Automobilherstellung und viele Fabrikarbeiter sollten ihre Arbeit verlieren. Sie machten damals mit dem von Ihnen gegründeten «Center of New Work» einen revolutionären Alternativvorschlag zur Lohnarbeit. Sie wollten die Arbeiter darin unterstützen, herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollen – mit diesem Ausdruck sind Sie ja berühmt geworden – und im zweiten Schritt sie dazu befähigen, damit Geld zu verdienen.

Was empfinden Sie, wenn Sie die heutigen Diskussionen unter dem Schlagwort New Work verfolgen?

Dabei habe ich sehr zwiespältige Gefühle. Der Ausdruck New Work hat irgendwie Flügel bekommen, aber nicht die richtigen Flügel.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich sehr anstrengen muss, um die ursprüngliche Absicht von New Work deutlich zu machen. Der Begriff wird im Moment inflationär gebraucht, aber nicht im Sinne, was wir wollten.  

Welche Flügel sollte New Work denn bekommen?

Der ursprüngliche Gedanke war sehr radikal. Wir wollten, dass Menschen Arbeit tun können, die sie wirklich, wirklich wollen. Das war unser Schlachtruf. Der ist heute relevanter denn je, wird aber in vielen Diskussionen nicht erwähnt. Die Menschen leiden immer noch unter der Armut der Begierde, was heisst, dass sie in Jobs gefangen sind, die zwar ihren Lebensunterhalt sichern, aber unbefriedigend sind. Meine Idee von New Work ging von einem Freiheitsbegriff aus, einer ganz neuen Haltung und der Forderung nach einem selbstbestimmten Leben mit einer erfüllenden Arbeit für alle.

Sind die Unternehmen da auf einem guten Weg?

Es ist nicht ganz untergegangen, wird aber mitunter sehr nebulös besprochen und wurde dem unternehmerischen Denken angepasst. Aber es ist auch nicht vollkommen hoffnungslos. Zu meiner Überraschung ist hier und da der Ursprungsgedanke doch angekommen, und es gibt Bestrebungen, herauszukriegen, was die Menschen wirklich wirklich wollen. Weil man verstanden hat, dass es besser funktioniert, wenn die Menschen etwas tun können, an das sie glauben und von dem sie überzeugt sind. Aber es wird noch viel zu wenig gemacht.

Was kann man tun, um das zu mobilisieren?

Man sollte einen echten Versuch machen, mit den Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen, und sie fragen, was sie wirklich, wirklich wollen. Es ist gar nicht so einfach, Menschen dazu zu befähigen, das herauszukriegen.

DIGITALISIERUNG IST NOCH KEIN NEW WORK

Die heutigen New-Work-Bewegungen sind oft sehr technologie-, leistungs- und innovationsgetrieben. Wie lässt sich dazwischen menschliche und sinnstiftende Arbeit für alle finden?

Ganz genau. Digitalisierung ist eben noch kein New Work. Man läuft der Technologie hinterher und hat kaum eine Ahnung, was New Work wirklich ist. Was wir vom Zentrum der neuen Arbeit im Sinn haben, ist sehr anders als das, was sich alles unter dem Ausdruck New Work verbreitet. Und mit der Verbreitung ist der Ausdruck New Work immer mehr verflacht worden. Deswegen möchte ich noch einmal deutlich machen, dass es bei New Work um etwas anderes geht.

Aber in sehr vielen Unternehmen ist schon viel über Wertschätzung und Achtsamkeit die Rede, man will Hierarchien abbauen und die Menschen selbstorganisiert arbeiten lassen.

Aus meiner Sicht ist das eine Persiflage, es hat fast gar nichts damit zu tun, was Neue Arbeit sein sollte. Das Menschliche muss endlich seinen Platz in der Neuen Arbeit finden.

Sie waren immer ein grosser Kritiker der Lohnarbeit, in der Menschen aus Ihrer Sicht ausgebeutet werden.

Der Begriff Lohnarbeit spielt immer noch eine grosse Rolle, ohne dass es wirklich benannt wird. Das ist aus meiner Sicht ein unglaublicher Fehler. Um die Neue Arbeit zu verstehen, muss man auch betonen, dass Lohnarbeit eigentlich eine verhältnismässig späte Erfindung ist und von vielen klugen Leuten kritisiert wurde.

Können die neuen Technologien dazu beitragen, die Lohnarbeit einzudämmen oder gar abzuschaffen?

Dies wird mit den modernen Technologien wieder möglich. Man kann die Technologie des 3D-Druckens beispielsweise dazu benutzen, Dinge herzustellen, die man wirklich braucht. Menschen können sich wieder selbstständig und unabhängig machen.

Die moderne Freiheit bedeutet auch eine zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Wie beurteilen Sie das?

Die Menschen werden dadurch eigentlich noch mehr ausgenutzt. Dank der Technologien kann man mobil und flexibel arbeiten, aber das hat mit echter Selbstbestimmung nichts zu tun. In vielen Betrieben werden Menschen weiter herumkommandiert.

Das ist etwas, das mich in gewissen Zorn versetzt! Man nimmt die grossen Chancen, die die Technologie bietet, nicht wahr, ja, man ignoriert sie sogar. Wenn man jetzt endlich anfangen würde, die Menschen das tun zu lassen, was sie wirklich, wirklich wollen, würde das enorme Kräfte freisetzen, Kräfte, von denen wir kaum ahnen, dass es sie gibt, die aber im Grunde genommen schon da sind.

Stattdessen haben viele Menschen Angst, ihren Job an die Roboter und die künstliche Intelligenz zu verlieren. Sollten wir umsichtiger mit den neuen Technologien umgehen?

Die Technologie kann tatsächlich jetzt zu etwas führen, das mit der Menschwerdung zu tun hat. Diesen Gedanken müsste man in den Vordergrund rücken. Die Idee von New Work ist ja entstanden, als die Automatisierung begann, Arbeitsplätze zu ersetzen. Heute stehen wir wieder an der Schwelle, an der die Gefahr besteht, dass im Zuge der Digitalisierung die Machtlosen und die Bedürftigen auf der Strecke bleiben. Die Technologien können die Chance bieten, dass Menschen sich aus der Sklaverei der Lohnarbeit befreien können. Wir haben jetzt die Chance, Arbeit ganz neu zu denken und zu organisieren. Diese Chance sollte man nicht verpassen!

MENSCHEN ENTWICKELN UND STARK MACHEN

Wie können wir die neue Kultur der Arbeit konkret anstossen?

BERGMANN: Wir müssen die Menschen entwickeln und stark machen. Jeder Mensch kann anderen Menschen helfen, sich stark zu machen. Damit sie herausfinden können, was sie wirklich, wirklich wollen. Das ist kein Spass, das geht nicht nebenbei und muss in der Organisation verankert werden. Wir brauchen dafür noch viel mehr Zentren der Neuen Arbeit und wir müssen noch radikaler betonen, um was es wirklich geht.

Und wenn die Menschen herausgefunden haben, was sie wirklich, wirklich wollen?

Dann muss man das auch ernst nehmen und ihnen die Möglichkeit geben, das auch zu tun. Man hört ständig von einem neuen Aufbruch in grossen Worthülsen, aber so richtig passiert nichts. Ich bin aber überzeugt, dass die Zeit auf unserer Seite ist.

Was würden Sie den Managern hierzulande gerne zurufen?

Ich weiss nicht, ob denen das gefallen wird. Es ist eine totale Veränderung im Anzug, und sie sollen nicht nur reden, sondern erkennen, wie ernst es ist. Im Grunde genommen sollen sie einfach das verwirklichen, was sie dauernd sagen. Nehmt euch selber ernst!

Als 19-Jähriger gewannen Sie mit einem Aufsatz über «Neue Schulen – die wir wollen» von der US-Botschaft in Wien ein Stipendium in den USA. Müsste man nicht schon in frühen Jahren mehr auf die neue Arbeit vorbereiten?

Diese Dinge passieren schon. Es gibt eine ganze Menge von Bewegungen und gross angelegten Initiativen an Schulen, die etwas anderes wollen.  Die Kraft des Neuen ist schon viel stärker, als es oft eingeschätzt wird. Es gibt eine enge Verbindung von der neuen Arbeit und dem, was in neuen Schulen passiert.

Lässt sich die neue Arbeit global etablieren?

Das Internet kann helfen, die neue Arbeit auch in anderen Ländern zu verbreiten. Wir arbeiten an einer globalen Plattform.

Wie erleben Sie New Work im Vergleich zwischen USA und Deutschland?

Der Gedanke, dass etwas Neues her muss, ist sehr stark in Deutschland. Aber Visionen, wie das aussehen kann, sind leider bisher nicht genügend mit meiner Idee der Neuen Arbeit verknüpft. Aber es ist zumindest machbarer geworden. In den USA wird das Neue immer offener begrüsst als anderswo. Es hat hier schon mehr Akzeptanz und Kraft. 

Sie sind in Sachsen als Sohn einer Jüdin geboren und in Österreich in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Eine Reise in die USA brachte den Wendepunkt. Ist es Ihnen gelungen, das zu tun, was Sie wirklich, wirklich wollen? 

Absolut. Ich möchte nichts anderes tun. Der Anfang war eng verbunden mit der Zeit, als ich beobachtet und miterlebt habe, wie sehr die Fabrikarbeiter damals in Flint unter ihrer Arbeit gelitten haben. Sie wollten etwas anderes als die Lohnarbeit, die man ihnen aufgezwungen hatte. Das hat auch mein Leben verändert. Seitdem arbeite ich daran, dass es möglich sein muss, dass jeder Mensch eine erfüllende Arbeit tun kann und sich idealerweise selbstständig versorgen kann.

Sie haben Arbeit mal als milde Krankheit bezeichnet, die viele Menschen irgendwie durchstehen. Welche Rolle soll Arbeit künftig im Leben der Menschen einnehmen?

Auf jeden Fall eine schönere, als das, was wir bisher haben. Ich bin zuversichtlich, dass die Lohnarbeit abnehmen wird. Und das ist auch gut so. Arbeit sollte alles das beinhalten, was der Mensch zu einem fröhlichen, interessanten, selbstbestimmten Leben braucht. Das ist mein Bild der Zukunft der Arbeit.

Herr Professor Bergmann, vielen Dank für das Gespräch.