Der Schwerpunkte des Arbeitnehmerschutzes verschiebt sich von der traditionellen Unfallverhütung zur Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen, weshalb?
Tatsächlich ist die Anzahl der Arbeitsunfälle in vielen Branchen seit mehreren Jahren rückläufig. Dies hat sicher mit den Anstrengungen der Unfallprävention zu tun, durch die in vielen Unternehmen heute eine sehr gute Sicherheitskultur herrscht. Zum anderen ist aber auch seit über dreissig Jahren in der Schweiz eine Verringerung der Arbeitsplätze im Industriesektor mit gleichzeitigem Anstieg der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor zu verzeichnen. Dort sind die Hauptbelastungsfaktoren naturgemäss andere als im Industriesektor. So stehen im Dienstleistungssektor zum Beispiel überlange Arbeitszeiten, Rückenbeschwerden oder psychosoziale Belastungen als Problembereiche im Vordergrund des Arbeitnehmerschutzes.
 

Ein aktuelles Thema ist die Arbeitszeiterfassung. Was gilt es diesbezüglich zu beachten?
Abgesehen von einzelnen im Arbeitsgesetz genau definierten Gruppen besteht für alle nicht selbstständigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz gemäss Arbeitsgesetz die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung. Das ist nur schon deshalb notwendig, um die Arbeitszeitbestimmungen des Arbeitsgesetzes kontrollieren zu können. Auch Geschwindigkeitsbegrenzungen im Strassenverkehr wären überflüssig, wenn Autos keinen Tachometer besitzen würden und die Verkehrspolizei keine Instrumente zur Überwachung der Geschwindigkeit hätte. Gerade im Dienstleistungssektor gibt es aber den Trend, dass ein Teil der Angestellten ihre Arbeitszeit nicht mehr erfassen. Studien belegen, dass in diesen Fällen zusätzlich in der Freizeit und länger als vertraglich vereinbart gearbeitet wird.
 

Flexible Arbeitszeiten finden in Schweizer Unternehmen eine stark zunehmende Verbreitung. Kann auch die Arbeitszeiterfassung flexibilisiert werden?
Auch die Arbeitszeiterfassung kann sehr flexibel gehandhabt werden. So ist es heutzutage ohne Probleme möglich, dies mit einem Smartphone anstatt einer sogenannten Stechuhr zu machen. Gerade flexible Arbeitszeitmodelle, wie zum Beispiel die Teilzeitarbeit oder eine Jahresarbeitszeit, sind ohne Arbeitszeiterfassung gar nicht durchführbar. Unter gewissen Voraussetzungen, das heisst keine Nacht- und Sonntagsarbeit, und einer hohen Selbstständigkeit des Arbeitnehmenden in seiner Zeiteinteilung kann die Erfassung auch vereinfacht werden und es müssen dann nur noch die pro Tag gearbeiteten Stunden vermerkt werden.
 

Was halten Sie vom sogenannten Vertrauensarbeitszeitmodell?
Wenn dieses Modell mit einem Vertrauenslohnmodell ergänzt wird, bei dem der Angestellte aus einer Kasse sich den Lohn entnimmt, der ihm seiner Meinung nach für seine erbrachte Arbeitsleistung zusteht, ist dieses Modell sicher überprüfenswert. Aber Spass beiseite, das Modell hat sich aus unserer Sicht in der Praxis nicht bewährt.