Die Schweizer Konjunkturperspektiven haben sich weiter eingetrübt – sehen Sie die Schweizer Wirtschaft in der Krise?
Die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft mit starker Exportorientierung vor allem in die EU ist überaus stark mit den internationalen Entwicklungen verbunden. Der zweite Schub der Finanzkrise, die Euro- und EU-Problematik und die politischen und wirtschaftlichen Probleme in den USA belasten die Wirtschaftsentwicklung enorm. Ein grosses Problem ist nach wie vor der zu starke Schweizerfranken, der in einzelnen Firmen die EBIT-Marge direkt wegerodieren lässt. Von einer generellen Wirtschafts-Krise würde ich aber nicht sprechen.

Welche Branchen sind besonders betroffen?
Um es umgekehrt zu sagen: Branchen und namentlich einzelne Unternehmen, die eine hohe Innovationskraft entfalten und international eine starke Nische besetzen, wie zum Beispiel aus dem Energiebereich, können die Konjunktur- und Währungsprobleme relativ gut bewältigen, abhängig von der Konjunktursensitivität ihrer Produkte und Dienstleistungen. Solche Firmen gibt es in der Schweiz gerade im KMU-Bereich zahlreiche, auch manche erfolgreiche Startups. Weniger betroffen bezüglich der Weltkonjunktur sind geringer zyklische Branchen wie Nahrungsmittel, Web-orientierte Dienstleistungen, Gesundheitswesen oder zum Teil auch Chemie und Pharma. Demgegenüber sehen sich Firmen mit weniger konkurrenzfähigen Produkten, einem hohem Kostenanteil im Schweizer Franken und starker Exporttätigkeit in die EU oder die USA mit grossen Problemen konfrontiert, vor allem durch den starken Franken.

Mit welchen Problemen konkret?
Das Währungsproblem kann sich auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlicher Weise auswirken: Verlust an Wettbewerbsstärke im Export; Verlust von Geschäftsvolumen im Inland, verursacht durch ausländische Wettbewerber; nur teilweise preisliche Entlastung auf der Importseite verursacht durch Zulieferantenmacht und Ähnliches. Dabei können auf diesen Problemen basierende Entscheidungen schwerwiegende Probleme auslösen, etwa durch eine auf längere Sicht zu wenig oder zu wenig rasch Erfolg bringende Auslandverlagerung.

Für welche Branchen ist denn eine Standortverlagerung ins Ausland interessant?
Kandidaten für eine solche Entwicklung sind Unternehmen in produzierenden Branchen wie Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektrotechnik und Elektronik, Textil und Bekleidung, aber auch Dienstleistungen und immaterielle Güter, wie zum Beispiel aus dem Software- und Informatikbereich. Für viele KMU dürften sicher osteuropäische Länder im Fokus liegen, bezüglich zusätzlicher Zielländer auch China, Vietnam beispielsweise oder Indien.

Die Nationalbank hat eine Euro-Franken-Untergrenze von CHF 1.20 festgelegt. Eine sinnvolle Massnahme oder ist diese Grenze noch immer zu niedrig?
Die Wahl der Untergrenze von CHF 1.20 gegenüber dem Euro war ein optimaler Kompromiss, löst aber unsere Probleme in der Schweiz natürlich (noch) nicht oder nur teilweise. Aber ohne diesen Eingriff wäre es gefährlich geworden. Eine spätere gestufte Anhebung dieser Grenze auf CHF 1.30 wäre meines Erachtens möglich. Wann und ob eine solche Massnahme durch die Nationalbank ergriffen werden könnte, lässt sich heute nicht sagen.

Auch für 2012 gilt es für viele Unternehmen zu sparen. Welche Massnahmen können Kleinere und Mittlere Schweizer Unternehmen ausserdem durch die Krise bringen?
Als eine Möglichkeit ist die Erhöhung der Wochenarbeitszeit zum Ausgleich des zunehmenden Margendrucks zu nennen – deren Wirkung sich allerdings in einem vergleichsweise engen Rahmen hält. Was die Kostenseite insgesamt anbelangt, ist ein konsequent vollzogenes Kostenmanagement und wo nötig und möglich auch die Ausrichtung auf ein effizientes Lean-Management wichtig. Gegenüber einer Koppelung von Löhnen und Gehältern an den Euro bin ich sehr skeptisch. Dreht die Kursentwicklung des Frankens zum Euro einmal wieder auf die andere Seite, würde man mit einem solchen Vorgehen relativ rasch unglücklich sein. Lohnsenkungen sind naturgemäss extrem unpopulär; führen sie aber zu einer sinnvollen nachhaltigen Sicherung von Arbeitsplätzen, mag es aus Sicht aller Beteiligten eine der wenigen Auswegmöglichkeiten sein.

Zahlreiche Experten setzten auf Massnahmen, die sich mit den Stichworten Produktinnovation und Marketing zusammenfassen lassen…
Dies sind zentrale Erfolgsfaktoren, vor allem auch von KMU in der Schweiz, die sich auch international behaupten können. Neben Produktinnovationen geht es oft auch um Prozessinnovationen, welche letztlich auch die Leistungsqualität und Wettbewerbsstärke eines Unternehmens weiter erhöhen. Und in vielen Firmen wird eine weitere, spürbare Verstärkung der Kundenorientierung eine wichtige Massnahme sein.