Die beiden Fälle haben die Schweiz erschüttert: Mit Pierre Wauthier, dem Finanzchef der Zurich Versicherung, und Swisscom-CEO Carsten Schloter haben sich in jüngster Vergangenheit gleich zwei Topmanager das Leben genommen. Schloter soll unter massiven Schlafstörungen gelitten haben – viele andere Kaderleute auch. Stress am Arbeitsplatz führt dazu, dass man nicht mehr richtig abschalten kann und keine Ruhe findet. Wenn Unternehmensführer nicht mehr in der Lage sind, Pendenzen auch einmal Pendenzen sein zu lassen, wird die anfallende Arbeit immer grösser – mit der Gefahr, dass einem das Ganze früher oder später über den Kopf wächst. Dies ist nicht nur bei Firmenchefs der Fall. Allgemein lässt sich festhalten, dass das Stressniveau bei Erwerbstätigen zugenommen hat. «Es ist deshalb enorm wichtig, dass man Aufgaben auch einmal ruhen lassen oder delegieren kann», betont Rico Baldegger.

Wer leidet, gilt als Versager
Die Studie, an der er sich beteiligt, geht von der Prämisse aus, dass eine verantwortungsbewusste Gesellschaft diejenigen schützt, die von gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz bedroht sind. Das Leiden von Arbeitgebern aber sei zwar nach wie vor eine grosse Unbekannte und ein Tabu – doch leider Realität, sagt Baldegger. Gerade KMU-Manager sind oft Gefangene einer Ideologie, die Führungskräften alles abverlangt. «Wer führt, wird als Winner betrachtet. Wer bei der Arbeit leidet, gilt rasch einmal als Versager», so Baldegger. Dabei sind auch Manager in erster Linie Menschen – mit all ihren Stärken und Schwächen. Bis es allerdings so weit kommt, dass ein Mensch in eine suizidale Krise gerät, braucht es die entsprechende Vorgeschichte. Im Suizid selber manifestiert sich dann oft eine Kurzschlusshandlung, die bei genauerer Betrachtung meist zu vermeiden gewesen wäre.

Dauerhafte Überlastung
Fachleute betonen in diesem Zusammenhang, dass der Mensch grundsätzlich keine Veranlagung hat, sich das Leben zu nehmen. Man ist dazu in aller Regel nur in der Lage, wenn man sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, der etwa durch Stress, Schlafmangel oder auch übermässigen Alkoholkonsum begünstigt wird. «Auch ein KMU-Manager ist oft einer dauerhaften psychischen Überlastung ausgesetzt», betont Baldegger. Die Zentralisierung von Macht würde ihm eine unverzichtbare Rolle verleihen. Gerade bei grösseren Entlassungen könne ein KMU-Unternehmer rasch einmal das Gefühl bekommen, seine Mitarbeitenden verraten und im Stich gelassen zu haben. Für manchen Manager sei dies ein traumatisches Erlebnis, das zu zusätzlichem Stress führt, wenn es nicht verarbeitet werden. Vielfach fühlten sich Führungskräfte in solchen Situationen einsam und überfordert. Sie haben oft niemanden, dem sie sich anvertrauen können, nicht einmal den engsten Mitarbeitenden.

Rechtzeitig Hilfe holen
Wer Manager wird, geht davon aus, dass er ganz oben auf der Karriereleiter angekommen ist. Das stimmt aber nur zum Teil. Führungskräfte sind zwar in aller Regel fachlich bestens ausgewiesen. Wenn es aber darum geht, sich selber zu managen, zeigen sich oft grosse Defizite. Hinzu kommt, dass man in einer Topposition vielfach sehr einsam und auf sich alleine gestellt ist. Oft werden Führungsentscheide in alleiniger Kompetenz getroffen und müssen demzufolge auch alleine verantwortet werden. «Das führt zu grossem Druck, dem nicht jeder gewachsen ist», sagt Rico Baldegger. Dass schon längst alle Alarmglocken läuten, wird von vielen Topkadern oft ignoriert. Deshalb verpassen es viele, sich rechtzeitig Hilfe zu holen.