Herausforderungen in der Cool Chain

Das heutige Marktumfeld temperaturgeführter Güter ist geprägt durch einen steigenden Verdrängungswettbewerb, technische Entwicklungen und globalisierte Märkte.

Die Digitalisierung und der E-Commerce verstärken den Druck auf die Logistikanbieter. Peter Rupper, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Kühl- und Tiefkühl-Logistik SVKTL-ASLF unterstreicht dies:

«Immer mehr Ware wird gekühlt oder tiefgekühlt transportiert. Die Strukturen des Marktes haben sich durch Globalisierung im Bereich Produktion und Detailhandel in den letzten Jahren verändert. Dabei kann eine regelrechte Konzentration hin zu zwei Bereichen, nämlich Retail- und Kleinmengenlogistik, festgestellt werden. Das veränderte Konsumentenverhalten vor allem im Lebensmittelbereich sowie vermehrte Standards und Vorschriften prägen die Supply Chain. Der Konsument will künftig immer mehr kleine Einheiten kaufen und dies möglichst zu verschiedensten Zeiten. Das fordert die Anbieter von Lebensmitteln und die Logistiker. Aber auch in der Pharma, Chemie und Technologie sowie Elektroindustrie müssen Güter aufgrund von Marktanforderungen vermehrt temperiert transportiert werden.»

Kühl- und Tiefkühllogistik

Im Rahmen der gesamten Cool Chain nimmt die Lagerung an Bedeutung zu. Kühlhäuser übernehmen immer mehr Verteilfunktionen und werden so zu eigentlichen Distributionskühlhäusern. Georg Burkhardt, Geschäftsführer Frigosuisse, erklärt am Beispiel des kürzlich fertiggestellten Tiefkühlhauses der Migros die neuen Möglichkeiten: «Das Tiefkühllager der Migros am Standort Neuendorf ist die diesbezüglich grösste Anlage der Schweiz.

Dabei ist sie ein regelrechtes Kompetenzzentrum geworden für die Auslieferung und Kommissionierung der Verkaufseinheiten mit Zwischenpufferung, vollautomatisierter Auftragskommissionierung und mit Palettierrobotern für den Weitertransport an die Grosshandels- und Detailhandelsbetriebe.»

Auch Rolf Löhrer vom SVK – Schweizerischer Verband für Kältetechnik spricht von einer Konzentration bei den Tiefkühlanlagen:

«Es wird auch weiterhin Paletten mit grossen Mengen geben, doch durch das neue Konsumentenverhalten stellt sich ein eindeutiger Trend zur Kleinmengenlogistik ein. So lautet die Herausforderung, die Lebensmittel in den Kühlschrank des Endkunden zu bringen. Was bisher der Kunde durch den Gang in das Ladengeschäft gemacht hat, liegt heute in der Supply Chain bei den Logistikanbietern, Transporteuren und Tiefkühlhäusern. Kühlanlagen müssen deshalb die Zwischenlagerung neu und anders gewährleisten. Dabei führen ständig neue gesetzliche Regularien (wie Lärmschutz, Lebensmittelgesetz et cetera) zu einer weiteren Erschwernis.»

Gemäss Löhrer ist der Tiefkühl- bzw. Frischebereich der am stärksten wachsende Bereich. Im Vordergrund steht dabei der Transport von Frischeprodukten, denn der Anteil der Tiefkühlkost fällt im Detailhandel Schweiz mit rund drei Prozent des gesamten Logistikfrischemarktes bescheiden aus. Dieser Markt ist aufgrund der hohen Dichte an Einkaufsgeschäften in der Schweiz noch weitgehend unterdotiert.

Die letzte Meile

Kein Streckenabschnitt hin zum Kunden wird künftig wichtiger als die letzte Meile. Dr. Raphael Pfarrer, Geschäftsleitungsmitglied von GS1 Switzerland, erachtet vor allem für städtische Ballungsräume neue Konzepte als wichtig.

«Die Logistikkette war bis heute durch den B2B-Ansatz geprägt. Die Anforderungen des Marktes verlangen das Augenmerk auf die Ausgestaltung der letzen Meile. Gerade im städtischen Ballungsraum braucht es neue Ideen. Die von GS1 in der Schweiz vertretene ‹Lean & Green› hat den Fokus auf CO2-Reduktion (bis zu 20 Prozent) gelegt. Dadurch kann auch eine Verbesserung der Lebensqualität im Metropolitanraum erreicht werden. Immer mehr Zulieferverkehr sowie Individualverkehr hemmen diese Gebiete. Auch die Politik will nachhaltigere und grünere Räume.

Neu steht auch das Thema Drohnen im Brennpunkt. Die Schweizerische Post verteilt heute circa 600000 Pakete pro Tag. Ob bei dieser Grössenordnung Drohnen regelmässig zum Einsatz kommen können, ist in der Schweiz aufgrund der Dichte eher fragwürdig. Wenn vom Strassennetz verlagert wird, dann meist auf die Schiene. Jedoch von «Road to Rail» macht erst ab 50 Kilometer Distanz Sinn und kommt im Verhältnis nur wenig zum Einsatz.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Schweizer Strassennetz es zunehmend schwieriger macht, einen sinnvollen Transport zum Endkunden zu gewährleisten.

Cool-Logistik und Umwelt

Ist die von der Lean & Green-Initiative geforderte CO2-Reduktion von 20 Prozent in Transport und Logistik innerhalb von fünf Jahren realistisch? Pfarrer meint dazu: «Die Vorteile liegen auf der Hand; teilnehmende Firmen leisten bei Lean & Green nicht nur einen individuellen Beitrag zum Schutz der Umwelt, sondern profitieren auch ökonomisch sowie vom Know-how-Transfer im internationalen Lean & Green-Netzwerk. Hier erwarten wir in den nächsten sechs bis sieben Jahren einen grösseren Wandel.»

Dazu stellen die Vertreter Rupper und Burkhardt des Branchenverband SVKTL fest, dass mehrere europäische Probleme in der Schweiz kein Thema sind, wie zum Beispiel die Strompreise, die verglichen mit Deutschland in der Schweiz moderat ausfallen, oder die Thematik der treibhausgefährdenden Kältemittel, die grossen Schweizer Kühlhäuser verwenden heute schon fast ausschliesslich die natürlichen Kältemittel Ammoniak und CO2. So nimmt die Schweiz europaweit eine Vorreiterrolle ein. Auch Löhrer meint dazu: «Bei der CO2-Reduktion sind wir auf dem richtigen Weg.

Alle Tiefkühlbauten sind umgerüstet. Dabei ist zum Beispiel bereits realisiert, dass die Tiefkühllager jeweils täglich während der Essenszeit (Kochen) von 11 bis 14 Uhr abstellen. Ein weiteres Beispiel sind die vielen Kälteanlagen, bei welchen die Abwärme für Heizzwecke und die Trinkwassererwärmung genutzt wird.

Haltbarkeit

Die Anforderungen bezüglich Haltbarkeit und Frische des heutigen Endkunden im Lebensmittelbereich steigen. Der heutige Kunde weiss, was er will. Und dies möglichst kostenlos, frisch, lange haltbar, schnell, transparent und umweltfreundlich.

Dabei fördert der Boom des Onlinehandels zudem die Konzentration auf die letzte Meile. Die Zahlen zeigen sich beim E-Commerce für Food noch verhalten mit circa drei Prozent des Logistikmarktes, wohingegen mit beinahe 40 Prozent der Non-Food-Bereich bereits boomt.

So kann das lokale Lebensmittelgeschäft, das beinahe vom Aussterben bedroht war, in der Kleinmengenlogistik wieder punkten und den Kunden mit frischen Produkten beliefern. Hier gilt das Stichwort «Nähe zum Kunden».

Dennoch: der Endkunde weiss zu wenig über die Haltbarkeit der einzelnen Frischeprodukte und über den Transport in der Supply Chain und welche Esswaren wie gelagert werden müssen. Auch in der Pharmaindustrie liegt die letzte Meile oft beim Kunden selbst, der seine Medizin zum Beispiel beim Arzt bezieht.

Diese Lücke bildet auch bezüglich Haltbarkeit eine Risikolücke. Urs Suter, Managing Director von Lamprecht Pharma Logistics AG meint, dass die Konsumenten noch mehr zur Haltbarkeit sensibilisiert werden sollten. So sollen Konsumenten informiert sein, wie sie ihr Produkt am besten nach Hause nehmen und wo sie es lagern.

Standards und Vorschriften

Urs Suter, Managing Director, und Juliane Guth, Quality-Managerin von Lamprecht Pharma Logistics AG, sehen Standards in der Logistik als hilfreich und unterstützend für ein erfolgreiches Arbeiten mit Pharmaerzeugnissen. Denn sie sorgen für eine gemeinsame Sprache, Kosteneffizienz und Nachvollziehbarkeit.

Bei Nichteinhaltung können Fehlleistungen einfacher eruiert und behoben werden, denn zum Beispiel durch die Codierung der Ware kann die Kühlkette lückenlos nachgeprüft werden oder die Erstöffnungsgarantie kann durch Etikettenbeschriftungen gewährleistet werden.

Uneinheitliche, regulatorische Vorschriften hingegen können zu Problemen führen. Löhrer vom Verband Tiefkühl- und Kühllogistik stellt bei zum Beispiel unterschiedlichen kantonalen Regelungen fest, dass diese sich wettbewerbshemmend auswirken. «Unsere Schwierigkeiten liegen beim Bau von Tiefkühlanlagen, denn die oft kantonal unterschiedliche Vorschriftenflut von Energieseite plus alle Sicherheitsvorschriften führen im Umbau zu grossen Problemen und zu höheren Kosten.»

Von GS1-Seite betont Pfarrer: «Bei uns geht es nicht darum, einfach nur Standards zu setzen. Wichtig ist, dass durch die Standards die Interoperabilität zwischen den Partnern einer Supply Chain optimiert werden, sodass jeder Partner (kosten-)effizienter werden kann.

Die Diskussionsrunde ist sich einig: In der Schweiz und Europa sind die Lebensmittel-, Detailhandels- sowie Hygienevorschriften umgesetzt und akzeptiert. Hier läuft es gut. Aber im technischen Bereich bestehen zu viele regulatorische Anforderungen, die wettbewerbshemmend wirken. Die Logistik erscheint auf den ersten Blick als globales Thema, aber wenn man genauer hinschaut, findet vieles regional statt. So sind es denn auch oft kantonale Vorschriften und intransparente Auflagen, die den Logistikanbietern zu schaffen machen.

Als geeinte Stimme resümiert die Runde: Gewünscht sind einheitliche, sinnvolle Standards, verständlich und transparent für alle Marktteilnehmer in diesem Bereich.

Digitalisierung, Datenaustausch und E-Commerce

Philipp Muster, Managing Director der E-Freight AG, vertritt ein neues Cargo-Community-System für die Schweiz und ist überzeugt, dass die Digitalisierung schneller kommt und mehr bringt, als heute angenommen wird. E-Freight ist dabei eine Kommunikationsplattform für alle vier Transportarten (Strasse, See, Luft und Bahn) in der Schweiz, die Qualitätsverbesserungen und Effizienzsteigerungen zum Ziel hat und ermöglicht.

«Ziel war die Entwicklung einer landesweiten Datenaustauschplattform zwischen dem Versender und seinen Dienstleistern für die Luftfracht.»

Muster ist überzeugt, dass weitere Innovationen schnell kommen werden. «Denn das Einkaufsverhalten wird ändern, Produkte werden nicht mehr einzeln bis in die Stadt hinein transportiert, die Ware wird sich selbst melden und auch im Tiefkühlbereich wird es Neuerungen geben.

Deshalb: Wer die Nase vorn haben will, verfügt über strukturierte, smarte Daten. Neu geht man weg von den ‹Punkt zu Punkt›-Schnittstellen hin zum vielfältigen Datenaustausch auf einer Plattform.» Diesem Votum schliessen sich Pfarrer von der GS1 und Burkhardt an und sind überzeugt, dass die Datendurchgängigkeit zunehmen wird.

Denn der Endverbraucher nutzt vermehrt Smartphones, Tablets und PCs. Daraus ergeben sich zugleich Chancen und Herausforderungen für die Supply Chain.

Skills für die Cool Chain

Was früher ein eher einseitiger, körperlicher Beruf war, ist heute ein vielseitiger Berufsstand. Logistikfachleute arbeiten in diversen Bereichen der Supply Chain der temperaturgeführten Logistik, sei dies in Produktions-, Dienstleistungs- und Handelsunternehmen.

Dabei erwarten sie steigende Anforderungen von Digitalisierung, regulatorischen Anforderungen und bis hin zu E-Commerce. Dr. Beat M. Duerler, Delegierter der OdA und Präsident der ASFL SVBL, darf stolz auf 30 Jahre Berufsbildung in der Logistik zurückblicken:

«Die Ausbildung zum Logistiker hat sich exponenziell entwickelt, denn der technologische Fortschritt, das veränderte Kundenverhalten und die Globalisierung zeigt sich auch in einem veränderten Berufsbild. Dabei ist und bleibt es ein Basisberuf. Im Laufe der Jahre wurde das Berufsbild Logistiker/-in EBA (eidg. Berufsattest) und EFZ (eidg. Fähigkeitsausweis) immer wieder modernisiert. Eines der Ziele für 2021 ist die Integration verschiedener Branchen. Die Nähe zu den Betrieben und deren Anforderungen ist für uns unerlässlich, um deren Bedürfnisse in die Ausbildung einzubinden. Gerade die vielen verschiedenen Standards und Regulatorien machen es schwierig, diese einheitlich in die Bildung umzusetzen. Durchaus eine Idee könnte eine in der Schweiz einheitliche Logistikstimme sein.»

Dem kann der gesamte Roundtable zustimmen und lässt dies als Schlusswort stehen.

© Fotos: TwoFaces Photography, Timur Geyran, Daniel Bolliger