Die grosse Herausforderung in der Logistik besteht seit jeher darin, die Produkte oder Dienstleistungen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und in der idealen Menge zur Verfügung zu stellen. Nur so können die Bedürfnisse der Nachfrager erfüllt werden. Valentin Wepfer von GS1 ist überzeugt, dass man die Lieferkette (Supply Chain) nur als Gesamtheit erfassen kann.

«Es macht keinen Sinn, einzelne Aspekte der Supply Chain isoliert zu betrachten. In einem logistischen Prozess hängt alles zusammen», sagt er. Darum plädiert der Fachmann für eine Funktion in der Logistik, in der eine Person die gesamte Kette vom Ursprung bis zum Endverbrauch, sogar bis zum Recycling, im Auge behält. «Ein Supply Chain Manager überwacht den gesamten Prozess und kann ihn modellieren und beeinflussen, wenn er sieht, dass er effizienter, sicherer oder einfacher gestaltet werden kann.»


Entwicklungen antizipieren


So sind auch Innovationen möglich. Und die sind in der Logistik zurzeit sehr gefragt. Die globale Situation verändert sich in rasantem Tempo. Und das auf vielen Ebenen gleichzeitig: Technologisch, wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich finden Veränderungen statt, auf welche sich die Unternehmen einstellen müssen.

Eine international tätige Firma muss reagieren, wenn sich die politische Situation in einem Abnehmerland so schlagartig verändert, wie es zurzeit in Ägypten der Fall ist. «Auf den globalen Wandel muss man schlank und agil reagieren können. Das ist nicht möglich, wenn verschiedene Personen nur jeweils einen Teil der Supply Chain überwachen.

Es braucht unbedingt einen Blick über die Unternehmensgrenzen hinweg», sagt Wepfer. «Wenn zum Beispiel im Kassensturz ein Bericht gesendet wird, der erklärt, Kartonverpackungen enthielten krebserregende Stoffe, dann muss ein Supply Chain Manager anfangen, über neue Verpackungsmöglichkeiten nachzudenken und intern entsprechende Prozesse anstossen.» Er soll also Entwicklungen antizipieren und innovative Ideen liefern, um die Supply Chain ständig verbessern und vor negativen Einflüssen bewahren zu können.


Ungenutztes Potenzial


Dabei muss eine Innovation nicht unbedingt einer Neuerfindung gleichkommen. Es geht darum, dass man Produkte, Dienstleistungen und Techniken in einen neuen Kontext setzt und sie so nutzt, dass sie einen Mehrwert generieren. «Es gäbe bei allen Schweizer Firmen viel Potenzial, durch Innovation die Supply Chains zu verbessern», sagt Wepfer.

Er kritisiert, dass viele Schweizer Unternehmen das Potenzial von Supply Chain Management verkennen und sich weder Kompetenzen noch eine entsprechende Position verschaffen. Das grosse Potenzial werde einfach nicht genutzt. «Die Abläufe könnten optimiert werden, wenn die Unternehmen ihre Prozesse hinterfragen würden», sagt er.

Hier liegt vermutlich das Problem: Das innovative Modell kann nur funktionieren, wenn die hierarchischen Strukturen mit den klassischen Divisionen der Organisationen umgestaltet werden. Denn das Modell funktioniert projekt­orientiert über alle Divisionen hinweg.

Damit wäre auch eine kulturelle Veränderung in einer Organisation verbunden. «So etwas braucht Zeit», weiss Wepfer und bleibt dabei hartnäckig: «In der Supply Chain braucht es dringend Leute, die Entwicklungspotenzial erkennen und bereit sind, Altbewährtes über Bord zu werfen. Es braucht hohe Fachkompetenz, einen flexiblen Geist für Innovationen und viel Sozialkompetenz.»