Der Kunde, der heute ein Produkt bestellt, erwartet, dass die fertige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort geliefert wird. Die Supply Chain beschreibt diesen gesamten Weg, vom Lieferanten bis zum Endkonsumenten. Da dieser Weg immer komplexer wird, gilt es, das gesamte Netzwerk innerhalb eines Wertschöpfungsprozesses bis zur Bereitstellung zu optimieren.

Nur wer diese Herausforderung – bei gleichzeitiger Kostenoptimierung – perfekt beherrscht, kann sich am Markt behaupten. Das gelingt nur den Unternehmen, die ihre Supply Chain optimal nach den Marktanforderungen ausrichten.

Lean oder Agility, das ist hier die Frage

Herbert Ruile vom Institut für Business Engineering (Abteilung Logistik Innovation) an der Fachhochschule Nordwestschweiz bringt es wie folgt auf den Punkt: «Die Verwechslung von Lean und Agilität kann zu massiven Kosten- oder Umsatzproblemen führen.»

Die Lean-Variante bietet sich an, wenn es um hohe Volumina geht, eine stabile Nachfrage herrscht und es sich um standardisierte Produkte handelt. Im Umfeld von dynamischer Nachfrage, instabilen Produkten oder Innovationen hingegen gilt es, sich für Agility zu entscheiden. Der Lean-Ansatz würde hier zu einem Umsatzrückgang und sinkenden Deckungsbeiträgen führen.

Kostenvorteile von bis zu 15 Prozent möglich

Für eine maximale Kostensenkung bei termingerechter Lieferung empfiehlt es sich von vornherein, Produkte und ihre Supply Chains entsprechend ihren Anforderungen nach Lean oder Agile zu trennen. Durch die konsequente Ausrichtung von Produktgestaltung, Marktanforderungen und Supply Chain können Kostenvorteile von bis zu 15 Prozent erreicht werden.

Gleichzeitig ist so eine Reduktion der Durchlaufzeiten um 50 Prozent möglich. Wichtigste Voraussetzung für den Lean-Erfolg sind das stringente Variantenmanagement und ein ausreichendes Marktvolumen. Nur so bleibt die Supply Chain mit geringen Beständen in Bewegung. Agilität hingegen führt zum Erfolg, wenn es um Produkte geht, die sich stärker an Kundenwünschen und unterschiedlichen Varianten orientieren, die aber dennoch auf standardisierten Baugruppen und Systemen basieren.

Die «späte Kundenanpassungen» (Late Customizing) setzt voraus, dass Ausführungen wie z. B. Farbe und Grösse erst kurz vor der Auslieferung gefertigt werden können. Die Lagerhaltung muss dann so ausgerichtet werden, dass die Lieferfrist dennoch garantiert werden kann. Für eine nachhaltige Kostensenkung ist jedoch in beiden Fällen eine Reduktion der Komplexität bei der Produkt- und Prozessgestaltung ratsam.

Tipps für KMU

  1. Marktanforderungen und ihre Produkte segmentieren. Stabile Nachfrage und wenig Produktvarianten sprechen für eine Lean–Lösung; starke Innovation und dynamische Märkte benötigen agile Supply Chains.
  2. Für mehr Transparenz in der Supply Chain sollten Steuerungsprinzipien in der Wertschöpfungskette sichtbar gemacht werden. Geprüft werden muss: Welche Steuerungsarten werden in Produktion und Materialwirtschaft bevorzugt? Ist die Trennung der Supply Chain durch Investitionen, Verlagerung oder Outsourcing möglich? Können Kapazitäten angepasst werden?
  3. Abstimmung und Ausrichtung von Markt, Produkt und Supply Chain in interdisziplinären Teams.
  4. Überprüfung von Marktanforderungen und Produktentwicklung. Spezielle Controlling-Instrumente helfen frühzeitig Trends und Abweichungen zu erkennen.