Nicole Brandes, Sie beraten die Mächtigen und Einflussreichen. Welche Fähigkeiten werden künftig noch wichtiger?

Führungskräfte werden in der Zukunft noch mehr gefordert. Neben allen digitalen und strukturellen Anforderungen müssen sie neuen Lebensmodellen, Hierarchiemodellen, Formen der Zusammenarbeit und Gleichzeitigkeiten gerecht werden.

Sie müssen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und Weltbildern einer hyperdiversen Workforce umgehen und abholen können um ihr Potential zu erschliessen – und das über sämtliche Zeit-, Kultur-, Generations-, Gender-, Branchen- und Organisationsgrenzen hinweg.

Sie sind virtuose Player, die sich in dieser multidimensionalen Vielfalt gekonnt bewegen und situationsgerecht einmal mehr oder weniger stark lenken und moderieren. Das ist enorm anspruchsvoll.


Dafür braucht es sehr viel Resilienz und ein hohes Mass an den berühmten People’s Skills.
 

Das lernen wir aber weder in der Schule noch im MBA. Führungskräfte, die fit für die Zukunft sind, investieren daher nicht nur in digitale Fähigkeiten sondern auch in menschliche. Das beginnt idealerweise bei sich selbst.

Warum sind diese Anforderungen für Führungskräfte relevant?

In einer Welt, in der wir praktisch alles digitalisieren, wird das Nicht-Digitalisierbare immer wertvoller. Roboter und KI können vieles, aber sie können uns kein Gefühl der Nähe, Wärme und des Aufgehobenseins vermitteln. Früher wurden wir in Gemeinschaften geboren und mussten unsere Individualität finden.

Heute sind wir Individuen und suchen unsere Gemeinschaft. Technologie bringt uns nicht nur Hyperindividualisierung und -personalisierung, sondern generell fantastische Möglichkeiten. Sie entwickelt sich rasant.

Aber diese menschlichen Bedürfnisse sind nach wie wie vor wie vor tausenden von Jahren: Wir brauchen Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit und Beziehung. Dies zu schaffen wird im Zeitalter der Entgrenzung zu einer zentralen Aufgabe –auf allen Ebenen, sowohl wirtschaftlich wie auch politisch und sozial. Deswegen werden weiche Faktoren zur harten Währung der Zukunft.

Wie bereiten Sie Führungskräfte darauf vor?

Führung hat weniger mit Expertise zu tun sondern mit Persönlichkeit. Fachliches Können gibt uns Selbstvertrauen. Es bedeutet «das kann ich». Das ist austauschbar. Wahre Führung inspiriert. Sie bewegt Menschen. Und zwar so, dass sie folgen, weil sie wollen und nicht weil sie müssen.

Die Vorbereitung beginnt mit der Entwicklung eines Selbst-Bewusstseins. Das geht weit über das Kennen des eigenen Stärke- und Schwächeprofils, sondern nähert sich dem Kern «das bin ich». Das beinhaltet u. a. auch die persönlichen Vorstellungen von Führungsbildern, Eigenbild, Fremd- und Kraftbilder zu erforschen.

Es sind immer innere Bilder, die uns prägen und in unseren Resultaten begrenzen oder beflügeln. In diesem Kern begegnen wir auch dem, was wir wirklich wollen. Es sind nicht Ziele, die wir wissen oder denken, dass wir sie erreichen, die in uns inspirieren.

Nein, es sind Träume und Visionen, die so gross sind, dass wir an ihnen wachsen, weil sie in uns ungeahnte Kräfte freisetzen. Erst dann fühlen wir uns lebendig und im Element. Dort entsteht Zentrierung, Kraft und Authentizität. Das wirkt anziehend. Und das ist heute ein wichtiger Erfolgsfaktor, denn auf der Suche nach Orientierung und Sinnhaftigkeit, brauchen Menschen etwas, das sie inspiriert und womit sie sich identifizieren.

Und wie kommen Führungskräfte dahin, damit sie das erreichen?

Ich wünsche mir Führungksräfte, die nicht nur den Pioniergeist haben in der äusseren Welt in unbekannte Gefilde aufzubrechen. Im digitalen Tornado brauchen wir mehr denn je Führungskräfte, die den Mut und Abenteuergeist haben auch die innere Welt zu erkunden.

Ralph Waldo Emerson bringt es auf den Punkt: Was in uns und vor uns liegt, ist nichts verglichen mit dem, was in uns liegt. Dort findet das lebendige, feurige Leben statt! Und nur so können wir eine Zukunft mit Herz- und Visionskraft schaffen, die Technologie nutzt und Menschen nützt. Und diese ungeheure Kraft zu erschliessen beginnt immer an einem Ort: bei sich selbst.